Liebes Leben

Wie hat sich dein Leben verändert, als du die Krebsdiagnose erhalten hast?

Komplett. Von einem Moment auf den anderen habe ich aufgehört zu arbeiten – und Arbeit war zuvor mein Lebensmittelpunkt. Ich war in der Gastronomie tätig, leitete ein renommiertes Restaurant, kreierte hochstehende Speisekarten, lebte für die Begegnungen mit Gästen, für diese besondere Energie, wenn Menschen zusammenkommen, geniessen, lachen. Es war mehr als mein Beruf – es war Gemeinschaft, Ausdruck, Lebensfreude. Ich war mitten im Leben, jung, getragen von einer gewissen Selbstverständlichkeit, dass alles so weitergeht.

Und dann – Stille. Als hätte jemand den Strom abgestellt.

Es war, als würde sich nicht nur mein Alltag, sondern meine ganze innere Landschaft verschieben. Dinge, die eben noch zentral waren, verloren plötzlich an Gewicht.

Im Umfeld entstand eine tiefe Betroffenheit. Ich konnte spüren, wie sehr es auch mein Umfeld traf. Und doch lag in vielen Begegnungen eine Unsicherheit, ein Zögern. Worte fehlten. Blicke wurden vorsichtig. Ich hatte oft das Gefühl, dass viele nicht wussten, wie sie mir begegnen sollen – und vielleicht wusste ich es selbst auch nicht mehr.

Welche Gedanken oder Ängste hattest du in dieser Zeit?

Da war sehr viel Angst – leise, aber allgegenwärtig. Sie lag wie ein Schatten unter allem, was ich tat. Und gleichzeitig war ich nicht wirklich in der Lage, sie zu greifen, geschweige denn auszusprechen. Ich bin ihr ausgewichen, oft ganz unbewusst. Habe mich beschäftigt, abgelenkt, funktioniert. Ich blieb an der Oberfläche meiner Gefühle, vielleicht auch, weil ich gespürt habe, dass die Tiefe im Moment zu überwältigend gewesen wäre.

Erst im Rückblick erkenne ich, wie viel da eigentlich war – wie viel Unausgesprochenes, wie viele leise Fragen nach Leben, Vergänglichkeit und Kontrolle. Doch damals war mein Weg ein anderer: weitergehen, irgendwie, Schritt für Schritt, ohne zu tief hinzuschauen.

Inwiefern hat dich die Erkrankung als Mensch verändert?

Viele denken, die grosse Veränderung kam durch die Weltreise nach meiner Krebserkrankung – Carmen und ich waren über eineinhalb Jahre unterwegs. Aber die eigentliche Transformation geschah durch die Diagnose und Erkrankung selbst. Sie hat in mir ein tiefes Bewusstsein für Gesundheit geweckt. Ich habe angefangen, anders zu essen, habe mir ungesunde Angewohnheiten abgewöhnt und mich nicht mehr so stark über meine Arbeit definiert.

Hast du Seiten an dir entdeckt, die dir vorher nicht bewusst waren?

Ja, sehr. Es war, als würde sich eine neue innere Landschaft öffnen – eine, die schon immer da war, aber von Lärm und Ablenkung überdeckt wurde.

Auch mein Körper ist mir auf eine neue Weise begegnet. Nicht mehr nur als etwas, das funktionieren muss, sondern als etwas, das spricht, fühlt, trägt. Ich habe gelernt, hinzuhören. Und ich habe etwas fast Erstaunliches entdeckt: Dass ich mich wirklich gut fühlen kann – klar, präsent, lebendig – ganz ohne die üblichen Ablenkungen. Stattdessen wurden andere Dinge wichtig: die Natur, Bewegung, bewusster Atem, Stille. Yoga, Breathwork – all das hätte ich früher vielleicht belächelt. Heute sind es Anker geworden, die mich immer wieder zu mir zurückbringen.

Wie haben Freunde und Familie reagiert – und was war hilfreich oder schwierig?

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Viele waren verunsichert. Manche tief betroffen, andere neugierig, wieder andere wurden still. Es gab kein „richtig“ oder „falsch“ – aber man hat gespürt, dass alle irgendwie ihren eigenen Umgang damit finden mussten.

Gab es etwas, das du dir von deinem Umfeld gewünscht hättest?

In der akuten Phase eigentlich nicht – da war vieles einfach getragen von Präsenz, von Mitgefühl, vom gemeinsamen Durchhalten.

Später jedoch schon. Mit der Zeit hätte ich mir mehr Verständnis gewünscht für die Veränderungen, die in und mit mir passiert sind. Meinen Lebensstilwandel, meine Ansichten auf das Leben und den Umgang damit. Denn eine solche Erfahrung hinterlässt Spuren – leise, aber tiefgreifend. Man beginnt, Dinge anders zu sehen, anders zu fühlen, anders zu wählen. Doch genau dieses „Anderssein“ wurde nicht immer verstanden. Dabei war es kein Abwenden vom Aussen, sondern ein Hinwenden zu mir selbst.

Wie hat sich dein Blick auf Beziehungen verändert?

Sehr stark. Tiefe Beziehungen sind noch tiefer geworden. Oberflächliche Verbindungen haben an Bedeutung verloren oder sind ganz verschwunden.

Welche Erfahrungen hast du mit dem Gesundheitssystem gemacht?

Das ist ein ganzes Kapitel für sich. Gerade am Anfang war da viel Irritation – und auch Enttäuschung. Im Notfall wurde ich nicht wirklich ernst genommen. Statt genau hinzuschauen, wurden Fehlannahmen getroffen. Ich wurde vertröstet, weitergeschickt, wieder vertröstet.

Erst Wochen später, nach mehreren Umwegen, begann sich der Blick zu schärfen. Plötzlich ging alles sehr schnell – Untersuchungen, Überweisungen, Entscheidungen.

Da ist auch Dankbarkeit. Denn als die Diagnose klar war, konnte die Schulmedizin handeln. Der Tumor wurde behandelt, der Weg zur Heilung wurde möglich gemacht. Es bleibt beides: eine tiefe Anerkennung für das, was möglich ist – und eine gewachsene Wachsamkeit gegenüber dem System.

Wie hat sich dein Alltag während der Behandlung verändert?

Mein Alltag wurde stark reduziert – auf das Wesentliche heruntergebrochen. Die Struktur war klar vorgegeben: eine Woche täglich Chemotherapie, danach zwei Wochen mit wöchentlichen Behandlungen – insgesamt drei Zyklen.

So lange wie möglich bin ich noch mit dem Fahrrad ins Spital gefahren, als wollte ich mir ein Stück Normalität bewahren. Doch mit jeder Behandlung wurde deutlicher, wie mein Körper an Kraft verliert.

Der Weg zur Heilung war kein Aufstieg, sondern zuerst ein tiefes Hinabsteigen – in eine Schwächung, die alles andere relativiert.

Ich habe viel geschlafen. Viel Zeit einfach still verbracht, oft im Garten. Und da war auch das Kortison – ein schwer zu beschreibendes Gefühl im eigenen Körper, fremd und unangenehm, als würde man sich selbst nicht ganz wiedererkennen.

Was mir in dieser Zeit Halt gegeben hat, waren regelmässige TCM-Behandlungen. Eine stille Form der Unterstützung neben dem medizinischen Prozess. Und – etwas, das einfacher klingt, als es in jenem Moment war: eine warme Suppe.

Nicht irgendeine. Carmen hat mir damals eine gekocht, die mehr war als Nahrung. Sie war Fürsorge in einem Teller. Reduziert, klar, nährend – genau wie der Körper in dieser Phase gebraucht hat. Ich erinnere mich, wie ich sat und die Wärme gespürt habe – im Bauch, aber auch irgendwo tiefer. Es war ein leiser Moment, aber einer, der etwas in mir festgehalten hat: dass Essen heilen kann. Nicht als Heilversprechen – sondern als Akt der Zuwendung.

Wie fühlt sich das Leben nach der Erkrankung an?

Ja – aber es ist keine Rückkehr im eigentlichen Sinn, sondern eher ein Weitergehen in eine neue Form von Normalität. Das Gefühl, „krank“ zu sein, ist relativ schnell in den Hintergrund getreten. Es war, als würde sich dieser Zustand nicht mehr als Identität festsetzen, sondern als Phase im Leben einordnen. Dafür erhielt ich ein neues Bewusstsein für den eigenen Körper, für Gesundheit, für das Leben an sich.

Gibt es Momente, in denen die Angst zurückkehrt?

Ja. Sie verschwindet nicht einfach – sie verändert nur ihre Form. Es gibt Momente, in denen sie kurz wieder auftaucht, leise, fast wie eine Erinnerung im Hintergrund. Und genau darin liegt auch etwas Klärendes: Diese Unsicherheit wird nicht mehr nur als Bedrohung erlebt, sondern auch als Einladung, wacher zu sein.

Was hat sich langfristig in deinen Prioritäten verändert?

Vor allem mein Umgang mit Zeit hat sich verändert. Zeit ist nicht mehr einfach etwas, das vergeht oder gefüllt werden muss, sondern etwas, das ich bewusster gestalte. Ich wähle genauer, wofür ich meine Energie einsetze. Heute bedeutet das oft ganz einfache Entscheidungen: lieber früh schlafen gehen und am Morgen in die Natur hinaus, als mich zu übergehen und erschöpft aufzuwachen.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade eine ähnliche Diagnose erhalten hat?

Nimm dir Zeit. Nicht nur für die medizinischen Schritte, sondern auch für dich selbst. Schaffe dir Raum, in dem du nicht funktionieren musst, sondern einfach sein darfst. Versuche, so gut es geht, auf dich selbst zu hören – auch wenn das am Anfang schwer ist. Schulmedizin und ergänzende, ganzheitliche Wege können sich gegenseitig unterstützen, wenn sie bewusst und verantwortungsvoll kombiniert werden.

Was sollten Menschen verstehen, die nie selbst betroffen waren?

Eine solche Diagnose verändert einen Menschen grundlegend – ob man das will oder nicht. Es ist kein bewusster Entscheid, sondern ein innerer Prozess, der sich entfaltet. Wenn sich dadurch Prioritäten, Verhalten oder Sichtweisen verändern, ist das kein Rückzug vom Umfeld und kein Ausdruck gegen andere. Es ist etwas Natürliches, das aus der Erfahrung selbst entsteht.

 

Und jetzt zur “die Kraftsuppe”

Nähren als Haltung.

Aus dieser Erfahrung – dass Essen mehr ist als Kalorien, dass ein Teller Wärme tragen kann, der einem Menschen gerade fehlt – ist die Kraftsuppe entstanden.

Nicht als Produkt, das heilt. Sondern als Ausdruck einer Überzeugung: dass gutes, bewusstes Essen eine Form von Fürsorge ist. Für den Körper. Für sich selbst. Für andere.

Die Kraftsuppe steht für: Genuss und Gesundheit sind kein Widerspruch. Ein nährender Teller kann einfach sein und trotzdem tief wirken. Reduziert auf das Wesentliche – wie das Leben selbst, wenn man wirklich hinschaut.

Carmen hat sie mit einer Freundin entwickelt. Marc hat sie am eigenen Körper erlebt und produziert sie. Jetzt teilen wir sie.

Mehr dazu unter die-kraftsuppe.ch

 

Marc Nydegger

Krebsüberlebender · Co-Gründer Naliumana GmbH und Produzent von “die Kraftsuppe”

naliumana.ch